DFG-Projekt

Abgeschlossenes DFG-Projekt: Historisieren. Bedeutung und Funktion des Kulturmusters für die Rezeption von Schillers Geschichtsdramen auf dem Theater und in der Schule des 19. Jahrhunderts (2011-2015)

Projektleitung: Nina Birkner

Untersucht wird der Beitrag, den die Bühneninszenierungen und die schulischen Interpretationen von Schillers ‚historischen‘ Dramen zur gesellschaftlich-kulturellen Durchsetzung jenes historischen Denkens geleistet haben, das seit dem 18. Jahrhundert vielfältig die Weltwahrnehmung und Muster der Lebensbewältigung prägt. Als ‚Kulturmuster‘ soll das Historisieren dadurch gefasst werden, dass es nicht nur als ein Denkmuster analysiert wird, sondern als geprägt durch bestimmte Inszenierungspraktiken und institutionelle (schulische) Zwecke. Durch die Erschließung und Auswertung von großenteils noch ungenutzten Rezeptionszeugnissen des 19. Jahrhunderts sollen Praktiken des Umgangs mit den Problemen des Historisierens (Kontingenz vs. Sinn, historische Distanz vs. ästhetische Vergegenwärtigung) sowie dessen Ausstrahlung auf nicht professionell mit Geschichte befasste Bevölkerungsgruppen greifbar werden. Das Projekt schließt an das von Prof. Dr. Daniel Fulda (Universität Halle) entwickelte Konzept „Historisieren“ an.

Im Rahmen des Projekts werden folgende Studien entstehen:

1. Studie zur „Wallenstein“-Rezeption auf dem Theater (1799-1914)

Teilprojektleitung: Claudia Sandig

Die Studie befasst sich mit der „Wallenstein“-Rezeption auf dem Theater. Anhand von Text- und Bildmaterial soll die Bedeutung und Funktion des Historisierens für diesen Kulturbereich untersucht werden. Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, wie Schillers Historisierungsimpulse im Theaterdiskurs aufgenommen, umgesetzt und verändert werden. Im Rahmen des Projekts werden erstens überlieferte Bühnenbearbeitungen analysiert. Die dramaturgischen und stilistischen Eingriffe geben Auskunft über die bühnentechnischen Bedingungen, die künstlerischen Maßstäbe der Bearbeiter, über ihre Interpretation der Geschichtsdramen und damit korrelierend über ihr Konzept von Geschichte. Wird Wallenstein als Täter oder Opfer gezeigt? Wird seine Ermordung als Verbrechen ohne ein rechtfertigendes Motiv beurteilt oder stellt sein Tod gestörte Rechtsverhältnisse wieder her? Wie viel Handlungsmacht wird dem Menschen in der Geschichte eingeräumt? Die geplante Studie geht dabei von der Annahme aus, dass das Interesse für, aber nicht unbedingt das Einverständnis mit Schillers Geschichtsauffassung ein treibendes Moment in der Auseinandersetzung mit diesem Autor auf dem Theater ist. Flankierend zu den Bühnenfassungen werden zweitens theatertheoretische Abhandlungen, Bühnenbild- und Kostümentwürfe, Rollenporträts und Rezensionen analysiert werden. Das Bild- und Textmaterial gibt Aufschluss über die Rezeption und Deutung der Trilogie und/oder einzelner dramatis personae, außerdem über die bühnenästhetischen Prämissen der Theaterschaffenden. Anhand der Quellen lässt sich außerdem zeigen, wie sich das Historisieren im Verlauf des 19. Jahrhunderts in der Bühnenpraxis durchsetzt, eine Entwicklung, die gegen Ende des Jahrhunderts in der illusionistischen Kostüm- und Dekorationstreue der Meininger gipfelt, in Stilprinzipien, die noch Reinhardts „Wallenstein“-Inszenierung von 1914 prägen. Zuletzt lässt sich die für die Struktur des Historisierens konstitutive Verschränkung von Historisierungssignalen und Vergegenwärtigungstechniken analysieren. Zum einen reflektieren zahlreiche Rezensenten der Buchfassung und der Aufführungen über die Prozessualität von Geschichte, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft. Zum anderen greifen die Theaterschaffenden zu verschiedenen Strategien der Vergegenwärtigung von Geschichte, etwa durch eine historisch getreue Ausstattung bzw. auf die Gegenwart verweisende Kostüme und Dekorationen oder durch die dramaturgische und stilistische Bearbeitung des Theatertextes.

2. Quellenedition zur Schiller-Rezeption in Schulprogrammen bis 1914

Um die Musterhaftigkeit und das Funktionieren des Historisierens in einem weiteren Bereich zu überprüfen, sollen Schulprogramme gesichtet, ausgewertet und neu herausgegeben werden. Bei Schulprogrammen handelt es sich um Jahresberichte an höheren Schulen, die in der Regel eine wissenschaftliche Abhandlung einer Lehrkraft zu den zentralen Themen des Unterrichts enthalten. Obwohl es sich um bedeutende Dokumente der Schiller-Rezeption handelt, sind sie nur von wenigen Bibliotheken gesammelt und archiviert worden. Seit Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts werden Schillers Werke zunehmend im Schulunterricht gelesen, spätestens seit den fünfziger Jahren gehören seine Gedichte und Dramen zur obligatorischen Lektüre. In dieser Zeit entstehen auch die ersten für die Gattung Schulprogramm konstitutiven wissenschaftlichen Abhandlungen zu Schiller und seinen Geschichtsdramen. Sie geben Aufschluss über gesellschaftliche Werte und Normen, die Interpretation, pädagogische Vermittlung und ideologische Vereinnahmung des Autors und seiner Werke, über die Schillerfeiern 1859 und 1905 an den Schulen sowie über die zeitgenössische Aufführungspraxis der Schillerschen Dramen. Wie sich zeigen lässt, spielt die Erziehung zu historischem Bewusstsein dabei eine wesentliche Rolle. Zum Gegenstand historisch fundierter Selbstvergewisserung werden dabei nicht nur der Autor Schiller, sondern auch die von ihm gestalteten historischen Stoffe. Im Rahmen des Projekts soll analysiert werden, auf welche Geschichtskonzepte die Autoren explizit oder implizit rekurrieren. Zudem soll geprüft werden, in welchem Maße Modi des Historisierens (z. B. die Tendenz zur Monumentalisierung) aufgenommen werden, die in Schillers Dramen vorgebildet sind, bzw. wie diese umgebildet und den jeweiligen Gegenwartsbedürfnissen angepasst werden.